Neugierig auf Mamas Zeugnis

Wenn Eltern wieder in die Lehre gehen

Eine Lehre lohnt sich immer, auch wenn der Auszubildende schon Kinder hat. (Foto: <br/>Robert Schlesinger)

Eine Lehre lohnt sich immer, auch wenn der Auszubildende schon Kinder hat. (Foto:
Robert Schlesinger)

"Kinder brauchen ihre Eltern als Vorbilder, die ihnen vermitteln, dass Lernen und Arbeiten zum Leben gehört. Das ist das Ziel der Aktionszeit "Einstellungssache-Jobs für Eltern", in der die Jobcenter und Agenturen für Arbeit in den Wochen bis zum Schulbeginn werben, erläutert Matthias Wendt, Geschäftsführer des Jobcenter Deggendorf.

Angesprochen werden Unternehmerinnen und Unternehmer, Menschen eine Chance auf Arbeit und Ausbildung zu geben, auch wenn sie keine glattgebügelten Lebensläufe haben. Wichtig ist, sie sind motiviert und wollen ihren Kindern ein gutes Vorbild sein. Die Fachkräfte des gemeinsamen Arbeitgeberservice der Agentur für Arbeit Deggendorf und der Jobcenter wenden sich geziel an die Personalverantwortlichen der Unternehmen.

"Aufmerksam machen wir auf das Potential an jungen Menschen, die bisher noch keine berufliche Ausbildung oder Qualifizierung absolviert haben, dies aber bei entsprechender Unterstützung - als so genannte Spätstarter - durchaus nachholen können. Erfolgreiche Praxisbeispiele zeigen welche Varianten der Begleitung und Unterstützung möglich sind", so Karl Haimerl, Teamleiter des Arbeitgeberservice in Deggendorf.

Eine 31-jährige Umschülerin erhält das Jahreszeugnis der Berufsschule. Für die 12-jährige Tochter ein Anreiz, denn sie ist stolz auf die Mama, die mit einer Teilzeitumschulung den Berufsabschluss zur Kauffrau im Einzelhandel nachholt - "Es ist nicht einfach, wenn man so viele Jahre nach der Schulentlassung, als Erwachsene wieder die Schulbank drückt und sich in der Berufsschule und im Ausbildungsbetrieb mit den jungen Kollegen und Kolleginnen messen muss", erzählt eine junge Frau aus dem Landkreis Deggendorf, die ihren Namen nicht genannt haben möchte.

Seit Januar 2015 absolviert sie eine betriebliche Umschulung zur Kauffrau im Einzelhandel. Die Umschulung erfolgt im dualen System und dauert insgesamt 36 Monate, da sie die Bildungsmaßnahme - auf Anraten und mit Unterstützung des Jobcenter Deggendorf - in Teilzeit absolviert.

"Damals nach dem Hauptschulabschluss und dem Abbruch zweier Ausbildungsstellen als Verkäuferin und Hauswirtschafterin, wollte ich schnell Geld verdienen und ich arbeitete als Telefonistin. Wie wichtig es einmal sein wird, einen geprüften Berufsabschluss nachweisen zu können, erfuhr ich erst Jahre später, als ich nach der Geburt meiner Tochter und der anschließenden Erziehungszeit, wieder arbeiten gehen wollte", schildert die 31-jährige alleinerziehende Mutter. Beim Jobcenter Deggendorf arbeitslos gemeldet und auf Unterstützung der Grundsicherungsleistungen angewiesen, bemühte sie sich vielfach um eine Anstellung, die dauerhaft über stundenweise Nebenverdienste hinausging. "Ohne verwertbare berufliche Kenntnisse und Fertigkeiten, dazu in Teilzeitarbeit, beinahe aussichtlos", bestätigt die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt beim Jobcenter Deggendorf, Karolina Gerstl.

Sie war es auch die - zusammen mit den Vermittlungsfachkräften - die Arbeitsuchende ermunterte, sich mit der Frage einer neuen Ausbildung auseinander zu setzen, sobald es die Betreuung der schulpflichtigen Tochter zulassen würde. Gestärkt durch diese Perspektive und der Zusage der finanziellen Unterstützung durch das Jobcenter, organisierte sie ihren Alltag und die Betreuung der Tochter neu und begann sich auf Ausbildungsstellen als so genannte Spätstarterin für ein betriebliches Umschulungsverhältnis zu bewerben.

Erleichtert wurde dieser Schritt durch die inzwischen neu geregelten Ausbildungsbestimmungen, die die Umschulung in Teilzeit möglich machten. Die Personalverantwortlichen des Unternehmens erkannten das Potential der Bewerberin und waren beeindruckt von deren Zielstrebigkeit, den einst versäumten Berufsabschluss als Erwachsene nachzuholen. "Wir freuen uns, dass unsere Nachwuchskraft bereits mit gutem Ergebnis vorzeitig die Zwischenprüfung ablegen konnte und nun aufgrund der guten Noten in der Berufsschule und der betrieblichen Leistungen, die Aussicht besteht, bereits im Sommer 2017 zur Abschlussprüfung von der Kammer zugelassen werden zu können", so die Rückmeldung des Umschulungsbetriebes, der ebenfalls namentlich nicht genannt werden möchte. Damit stünde dem Betrieb auch früher als ursprünglich geplant, die dringend benötigte Fachkraft zur Verfügung.

Spannend ist das Ganze auch für die Tochter der Umschülerin. Sie erlebt seit Monaten, wie die Mutter über den Schulbüchern brütet und wie sie selbst, dem Tag der Zeugnisaushändigung in der Schule entgegenfieberte.

Anzeige
Anzeige
Anzeige

Anzeige
Anzeige

Datum: 29. Juli 2016 12:37
Autor: pm
Aufrufe: 286x angesehen
Artikel drucken Artikel empfehlen Lesenswert (0)
+1
Anzeige
Anzeige
Anzeige